Milch & Blut

Als der erste Golfkrieg mit seinem irrwitzigen Vorspiel im Januar 1991 begann, war mit dem Studium erst mal Schluss, die Uni wurde besetzt - Alltagsverweigerung stand auf dem Programm, damit einhergehend natürlich Demos, Kasernenblockaden, Flugblätter verteilen, Agitation auf allen Ebenen, - für uns eine gute und ereignisreiche Zeit.

Irgendwann und irgendwie zu früh wurde es wieder ruhiger, obwohl nichts besser wurde. Schauspieler lasen Brecht im nasskalten Februarregen, die Demobeteiligung erlahmte langsam, die Polizei schaffte es wieder die besetzten Straßenkreuzungen frei zu räumen.

Das war so die Zeit als Helen und Alfred sich Geige und Gitarre schnappten und sich ihren Frust mit lustigen Holy-Modal-Rounders-Adaptionen vom Leib schrien. Der Frühling nahte, die Lieder wollten hinaus ins Freie, irgendwie klappte alles, man konnte sogar noch seine politischen Inhalte loswerden ohne sich dafür schämen zu müssen.

Ein halbes Jahr später: Helen und Alfred arbeiteten sich gerade nach Linz zu einem internationalen Strassenspektakel, trafen sie auf Jörg mit langen Haaren, Flickenjacke, Gitarre und einem ganzen Sack voller Moritaten und Geschichtenliedern.

Die Tour wurde nun gemeinsam bestritten, zuerst abwechselnd, dann immer mehr zusammen, schließlich als feste Gruppe, später als Teil der RAK (Rotzfreche Asphalt Kultur), einem Netz politisch (linker) Straßenkünstler aus der gesamten BRD.

Milch & Blut

Jörg lernte Kontrabass, Alfred die Posaune und ein ziemlich eigenes Schlagzeugs spielen (Pocket-Drums mit Hackenbass), Helen erweiterte sich um ein Akkordeon.

Die Stimmen wurden wetterfest, Theaterlaune machte sich breit, irgendwie löste man sich mehr und mehr von den engen Liedergrenzen zugunsten möglichst bizarrer Einfälle und Grenzgängen auf der Bühne. Aufgetreten wurde vor allem im Studentischen/Alternativen/Autonomen Umfeld, auf Festivals und eben immer wieder auf der Straße, wo immer am hemmungslosesten experimentiert werden konnte.

Schließlich trennten sich die Wege.
Helen ging nach Darmstadt, bekam den kleinen Jurek und spielt irischesken Folkrock,
Alfred ging nach Dresden, bekam dort eine große Antonia und einen kleinen Janko geboren, arbeitet im Jugendknast und spielt mehr und mehr balkaneske Blasmusik,
einzig Jörg, der ebenfalls in Dresden landete, tourt noch quer durch die Republik und darüber hinaus, macht Straßentheater- und Musikprojekte aller Art, mal alleine, mal zusammen mit Phil als Die Guten oder eben bei Revolte Springen.

Zwei CDs dokumentieren diese ereignisreichen Jahre, eine Dritte wird bald mal erscheinen, welche die Perlen der frühen Jahre zusammenfasst: